Einführung in die Datenerhebung für qualitative Forschung
Die Datenerhebung ist ein entscheidender Schritt im qualitativen Forschungsdesign und bildet die Grundlage für Analyse und Interpretation. Im Gegensatz zur quantitativen Forschung, die sich auf numerische Messungen konzentriert, untersuchen qualitative Methoden Bedeutung, Kontext und gelebte Erfahrungen durch reichhaltige, deskriptive Daten. Folglich sollten Datenerhebungstechniken gewählt werden, die solche Einblicke am besten ermöglichen.
Dieser Artikel untersucht Umfragen, strukturierte, halbstrukturierte und unstrukturierte Interviews, Fokusgruppen, ethnographische Immersion und Beobachtung. Bei der Auswahl der geeigneten qualitativen Datenerhebungsmethode solltest du die folgenden Dimensionen berücksichtigen:
Die Forschungsfrage (z.B. Erforschung individueller Erfahrungen, Verständnis von Gruppendynamiken oder Beobachtung von Verhaltensweisen in realen Umgebungen)
Die Art der Interaktion (z.B. direkte Antworten der Teilnehmenden, Gruppendiskussionen oder unaufdringliche Beobachtung)
Der erforderliche Grad an Flexibilität (z.B. strukturierte Befragung vs. offene Erzählungen)
Zugang zum Feld
Im nächsten Abschnitt zeigen wir eine Übersichtstabelle wichtiger Datenerhebungsmethoden. Die Vor- und Nachteile jeder Methode werden dann in einem separaten Abschnitt genauer dargestellt.
Definition: Offene Umfragen und Fragebögen ermöglichen es den Teilnehmenden, detaillierte, schriftliche Antworten auf vordefinierte Fragen zu geben. Im Gegensatz zu strukturierten Umfragen, die auf Multiple-Choice-Antworten basieren, erfassen qualitative (offene) Umfragen persönliche Reflexionen, Meinungen und Erfahrungen in einem flexiblen, narrativen Format.
Am besten geeignet, wenn:
Die Studie erfordert reichhaltige Textdaten von einer großen Anzahl von Teilnehmenden
Forschung wird remote durchgeführt, was Interviews oder Fokusgruppen unpraktisch macht
Teilnehmende benötigen die Freiheit, Erfahrungen in ihren eigenen Worten auszudrücken
Vorteile:
Ermöglicht breite Teilnahme über Standorte und Zeitzonen hinweg
Liefert tiefe, qualitative Einblicke ohne Interviewer-Einfluss
Nachteile:
Fehlende interaktive Nachfragen zur Klärung
Antworten können in Detailgrad und Relevanz variieren, was sorgfältige Interpretation erfordert
Zeitaufwändig, große Mengen an Textdaten zu analysieren
Strukturierte Interviews
Definition: Strukturierte Interviews verwenden einen festen Satz offener Fragen, um Konsistenz über alle Teilnehmenden hinweg zu gewährleisten und dennoch qualitative Einblicke zu gewinnen.
Am besten geeignet, wenn:
Die Studie erfordert standardisierte Fragen
Mehrere Teilnehmende müssen unter ähnlichen Bedingungen interviewt werden
Vergleichbarkeit der Antworten ist wesentlich
Vorteile:
Gewährleistet Einheitlichkeit über Interviews hinweg
Erleichtert Vergleich und Codierung
Reduziert die durch verschiedene Interviewer verursachte Variabilität
Nachteile:
Begrenzte Flexibilität bei der Erforschung neuer oder unerwarteter Themen
Erfasst möglicherweise nicht die volle Komplexität der Erfahrungen der Teilnehmenden
Es könnte schwieriger sein, eine Beziehung zu den Probanden aufzubauen als bei halbstrukturierten oder unstrukturierten Interviews (Mueller & Segal, 2015)
Halbstrukturierte Interviews
Definition: Halbstrukturierte (auch semi-struktierte) Interviews kombinieren die Konsistenz strukturierter Interviews mit der Flexibilität eines offenen Dialogs. Du solltest einen Leitfaden verwenden, diesen aber basierend auf den Antworten der Teilnehmenden anpassen, sodass neue Themen organisch entstehen können. Wenn du den Interviewleitfaden erstellst, empfehlen wir dir, eine Peer-Debriefing-Sitzung durchzuführen, um seine Eignung für die Forschungsfrage zu validieren.
Am besten geeignet, wenn:
Du möchtest Struktur mit Offenheit ausbalancieren
Es besteht die Notwendigkeit, Themen zu vergleichen und gleichzeitig flexibel zu bleiben
Die Erfahrungen der Teilnehmenden können stark variieren, was eine anpassungsfähige Befragung erfordert
Vorteile:
Fördert natürliche Gespräche, während Schlüsselthemen abgedeckt werden
Ermöglicht Forschern, bei unerwarteten Einblicken tiefer nachzufragen
Geeignet für vergleichende Analysen
Nachteile:
Erfordert geschulte Interviewer
Analyse kann aufgrund von Variabilität komplex sein
Definition: unstrukturierte Interviews sind Einzelgespräche, die darauf abzielen, die Erfahrungen, Gedanken und Emotionen eines Teilnehmenden im Detail zu untersuchen. Sie sind oft offen und flexibel gestaltet, sodass die Teilnehmenden sich frei äußern können, während der Forscher ihrer Erzählung folgt.
Am besten geeignet, wenn:
Die Forschung konzentriert sich auf persönliche Erzählungen, Motivationen und Emotionen
Das Thema ist sensibel oder komplex und erfordert Privatsphäre und Vertrauen
Die Forschung benötigt Flexibilität, um Fragen anzupassen
Vorteile:
Liefert reichhaltige Einblicke aus erster Hand
Fördert tiefgehende Reflexion
Ermöglicht Anpassungsfähigkeit bei der Befragung
Nachteile:
Erfordert geschulte Interviewer
Kann zeitaufwändig in der Durchführung und Analyse sein, aufgrund der offenen, explorativen Natur des Gesprächs und der unstrukturierten Daten
Strukturierte vs. halbstrukturierte Interviews: Ein halbstrukturiertes Interview ist am besten, wenn du eine Balance zwischen Konsistenz und Flexibilität benötigst, die es dir ermöglicht, Antworten zu vergleichen und gleichzeitig unerwartete Einblicke zu erkunden. Es ist nützlich, wenn es einen vordefinierten Fokus gibt, aber Raum für die Teilnehmenden besteht, ihre Erfahrungen zu erläutern. Ein halbstrukturiertes Interview kann mehr Vorbereitungszeit erfordern. Ein unstrukturiertes Interview hingegen ist ideal für explorative Forschung, bei der wenig über das Thema bekannt ist, da es ein freies Gespräch ermöglicht, das von der Perspektive des Teilnehmenden geleitet wird. Dieser Ansatz eignet sich am besten, wenn das Ziel darin besteht, ein tiefes, nuanciertes Verständnis zu erlangen, ohne vordefinierte Fragen aufzuzwingen.
Definition: Eine Fokusgruppe ist eine moderierte Diskussion mit mehreren Teilnehmenden, die Gedanken und Perspektiven zu einem bestimmten Thema austauschen.
Am besten geeignet, wenn:
Die Studie konzentriert sich auf Gruppendynamik und geteilte Erfahrungen
Forscher benötigen vielfältige Perspektiven in kurzer Zeit
Soziale Interaktion ist relevant für die Forschung
Vorteile:
Effizient zum Sammeln mehrerer Sichtweisen
Fördert spontanen Ideenaustausch
Erfasst, wie soziale Einflüsse Meinungen formen
Nachteile:
Manche Teilnehmende könnten das Gespräch dominieren
Antworten können durch Gruppendenken oder Gruppenzwang beeinflusst werden
Schwierig, überlappende Diskussionen zu analysieren (Morgan, 1997)
Immersion (Ethnographie)
Definition: Immersion oder ethnographische Forschung bedeutet, dass sich ein Forscher in eine Gemeinschaft oder Umgebung einbettet, um Verhaltensweisen, Interaktionen und kulturelle Normen aus erster Hand zu beobachten.
Am besten geeignet, wenn:
Die Studie erfordert tiefes kontextuelles Verständnis
Forscher müssen Verhaltensweisen über die Zeit beobachten
Es besteht die Notwendigkeit, die Abhängigkeit von selbstberichteten Daten zu minimieren
Vorteile:
Liefert authentische Einblicke aus erster Hand
Erfasst kulturelle und kontextuelle Faktoren
Minimiert die Abhängigkeit von selbstberichteten Wahrnehmungen
Nachteile:
Erfordert langfristiges Engagement
Ethische Herausforderungen bezüglich des Einflusses des Forschers
Nützlich in öffentlicher oder gruppenbasierter Forschung
Nachteile:
Begrenzter Zugang zu internen Gedanken oder Motivationen
Beobachter-Bias (eine Art von Forscher-Bias) kann die Interpretation beeinflussen. Es gibt beispielsweise starke Belege für diesen Effekt in der beobachtenden Verhaltensforschung bei Tieren (Tuyttens et. al, 2014).
Ethische Bedenken bei verdeckter Beobachtung (Patton, 2002)
Teilnehmende Beobachtung vs. Immersion: Teilnehmende Beobachtung kann kurzfristiges Engagement zur Beobachtung spezifischer Verhaltensweisen beinhalten, während Immersion (separat als Ethnographie behandelt) typischerweise langfristige, tiefgehende Teilnahme erfordert, um breitere kulturelle oder soziale Kontexte zu verstehen. Teilnehmende Beobachtung sollte eher als methodisches Werkzeug zur systematischen Beobachtung von Verhaltensweisen, Interaktionen und kulturellen Mustern betrachtet werden. Immersion konzentriert sich mehr auf tiefes Verständnis und gelebte Erfahrung als nur auf systematische Datenerfassung.
Fazit
Die Wahl der richtigen qualitativen Datenerhebungsmethode hängt von deiner Forschungsfrage, der erforderlichen Tiefe der Einblicke und praktischen Einschränkungen ab. Unter den verschiedenen Optionen stechen halbstrukturierte Interviews durch ihre Balance zwischen Konsistenz und Anpassungsfähigkeit hervor, was sie besonders für explorative und interpretative Studien geeignet macht. Indem du geeignete Forschungsmethoden in deinem Forschungsdesign kombinierst und Werkzeuge wie QDAcity nutzt, kannst du deine Fähigkeit verbessern, qualitative Daten zu sammeln, zu organisieren und zu interpretieren, während du gleichzeitig Strenge und Transparenz aufrechterhältst. QDAcity unterstützt deinen Forschungsprozess von der Datenerhebung über die Codierung bis zur Analyse und hilft dir, komplexe qualitative Datensätze klar zu verwalten.
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